Diese Ansprüche stelle ich an einen guten Song

Tja, eigentlich war es an der Zeit für einen ersten Jahresrückblick – dann aber erhielt ich von einer Freundin einen Tip: „Das Pfefferminz-Experiment“ von und mit Marius Müller-Westernhagen. Damit hatte ich schlagartig gleich mehrere Themen, um meinen Senf dazu zu geben. Gerade Marius ist für mich nämlich ein schönes Beispiel nicht nur für Aufstieg und Fall, sondern auch für gute Songs und was diese ausmacht, sowie für die Frage nach der Produktion, d.h., wie ein Song arrangiert, gespielt und aufgenommen wird.

Ich kam über das soeben erschienene Album „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ mit MMW in Berührung, da war ich gerade mal acht. (Übrigens: zu der Zeit kam ich auch über „Presslufthammer B-B-B-Bernhard“ mit Torfrock in Berührung, nicht ahnend, wie das nochmal zu mir zurückkommen sollte…) In diesem Alter ist man im Allgemeinen noch sehr beeinflussbar, was den Musikgeschmack angeht. Was die Eltern hören, kann erstmal so schlecht nicht sein. Der Titelsong lief rauf und runter und durfte bei den Parties, die meine Eltern geschmissen haben, nicht fehlen.

Obwohl ich den Text damals überhaupt nicht verstanden habe, war das für mich kein Hindernis, ihn in kürzester Zeit auswendig zu können. In der Grundschule war es Gang und Gebe, dass wir immer mal die Gelegenheit bekamen, vor der Klasse etwas vorzutragen. Das konnte aus einem Buch vorgelesen sein, getanzt oder eben gesungen. Mir fällt erst jetzt im Nachhinein auf, dass ich damals keinerlei Berührungsängste zu haben schien, vor die Klasse zu treten und ganz alleine Marius Müller-Westernhagen zu singen:

Pippi ist kein Name, und auch kein Getränk. Mancher muss schon rennen, wenn er nur an Pipi denkt!

(Marius Müller-Westernhagen, Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz)

Ich kann mich nicht erinnern, aktive positive Resonanz seitens der Lehrerin bekommen zu haben. So etwas wie „Toll gesungen, weiter so!“ Das wäre fürs Selbstbewusstsein mit Sicherheit hilfreich gewesen. Rückblickend würde ich mich allerdings nicht vor der Möglichkeit verschließen, dass der für den Zweck des Lobes herangezogene Song, sagen wir, suboptimal gewesen wäre.

Das war, soweit ich mich erinnere, kein großes Problem für mich. Ich wusste selbst, dass ich einen guten Job gemacht hatte. Das konnte ich damals so natürlich nicht formulieren, aber innerlich wusste ich es. Das Gespür für Musik war schon sehr früh da und ich habe mich damals schon geärgert, wenn Regine und Katja im Duo „Aber bitte mit Sahne“ von Udo Jürgens trällerten – und bei absolut einwandfreier Melodieführung nicht in der Lage waren, die Pause zu lassen, die zwischen „Ohoho“ und „Oh, Yeah“ nun einmal da ist!

… wieso um Himmels Willen weiß ich das noch…

Wie auch immer. Ich hörte mir dann das ganze Album an. Leider konnte ich das meiste nicht verstehen und interpretieren. So habe ich mich vor allem damit begnügt, die Hooks gut zu finden.

Was ist in der Musik ein Hook?

Der Hook ist das Element, das dir den Song sofort einhämmert. Das kann eine Textzeile sein, machmal auch ein ganzer Textblock. Es kann aber auch ein Sound sein, ein Gitarren- oder Keyboard-Riff, ein Schlagzeug-Fill. Beispiele:

  • „1000 mal berührt…“ von Klaus Lage
  • Das Intro zu „We Will Rock You“ von Queen
  • Der Drumgroove zu „Billie Jean“ von Michael Jackson
  • Das Gitarrenriff zu „Highway To Hell“ von AC/DC, „Smoke On The Water“ von Deep Purple und „Satisfaction“ von den Rolling Stones
  • Geht auch mit Keyboards: Das Intro zu „Jump“ von Van Halen beispielsweise.
  • „Aloha Heja He“ von Achim Reichel. Der gesamte Chorus ist der Hook.
  • „Hey Jude“ von den Beatles. Gemeint ist natürlich der Schlussteil („Naaaaaa, naaa, naaa, nanana-naaaaaaa, nanana-naaaaaa, hey jude“)
  • „Johnny Walker“ von Marius Müller-Westernhagen. Jede Textzeile fängt mit diesem Hook an und die meisten nicht-Hardcore Fans wissen nicht, wie der Text weitergeht. Egal, denn der Hook ist klar.

Ist ein guter Hook für einen guten Song notwendig?

Diese Frage zu beantworten, ist durchaus schwierig, solange nicht geklärt ist, was mit „guter Song“ gemeint ist. In den Augen etwa des Formatradios, das in Deutschland regiert, ist jeder Song gut, der ein Hit ist. Ein Hit ist wiederum ein Song, der in größtmöglicher Menge konsumiert wird – angestachelt u.A. durch die Formatradios. Für mich persönlich sind solche Songs nur Geräuschkulisse, die den Begriff „Musik“ schon lange nicht mehr verdient. Für mich persönlich, verstanden, Herrschaften? Es ist natürlich trotzdem Musik, ich halte lediglich den künstlerischen Wert für praktisch nicht vorhanden.

Nun ist der künstlerische Wert aber auch nicht alles, das weiß ich wohl. Für Hits, die das Formatradio rauf- und runterspielen kann, um einen zwischen den Werbeblöcken mit einer irrsinnigen guten Laune mit völlig nutzlosen und idiotischen Informationen wie der gefühlten Temperatur anzuschreien, ist ein wirkungsvoller Hook natürlich eine große Hilfe.

Für dich mag es völlig egal sein, was es mit dem Song auf sich hat. Möglicherweise ist dir Musik ansonsten auch völlig egal. Wenn du aber z.B. zu Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz auf der Tanzfläche das erste mal deinen Traumtypen/deine Traumfrau geküsst hast, dann wird dieser Song einen besonderen Platz im Soundtrack deines Lebens haben. Wunderbar.

Wie wichtig ist der Text für einen guten Song?

So, wie ich das sehe, gibt es drei Situationen. Es gibt Instrumentalmusik, die ohne Text auskommt und dennoch stark emotional ist. Das ist zum Beispiel bei vielen Filmmusiken der Fall. Die Komponisten wissen schon rein handwerklich, wie sie den Song schreiben und umsetzen müssen, um dich in eine, sagen wir, Science-Fiction-Welt zu bringen.

Dann gibt es die Poesie. Das können Gedichte sein, Prosa, Erzählungen. Gedichte werden auch Lieder genannt, obwohl für sie keine Musik geschrieben wurde.

Um Musik und Texte zusammen zu bringen, ist es für ein gutes Ergebnis natürlich erstrebenswert, beides in Einklang zu bringen. Die Musik unterstreicht die Wirkung des Textes und der Text unterstreicht die Aussage der Musik. Bekanntlich werden in einer Unterhaltung gut 80% dessen, was gesagt wird, über die Körpersprache vermittelt, und nur knapp 20% fallen auf die eigentlichen Worte. Irgendwo dazwischen befindet sich die Sprachmelodie.

Und über die Melodie landen wir ganz geschmeidig wieder bei der Musik. Wenn diese also den Text genauso zu unterstützen vermag, wie die Körpersprache, dann stehen die Chancen auf einen guten Song schon recht günstig.

Wie schreibe ich einen guten Songtext?

Ich denke, dass es einen erheblichen Unterschied ausmachen kann, ob von einem Text gesprochen wird, oder einem Songtext. Der Text ohne Song erfordert unter Umständen erhebliche Arbeit des vortragenden Interpreten, wenn er qualitativ zu wünschen übrig lässt. (Das kann man jetzt auf beide beziehen, ich meine hier aber die Qualität des Textes, nicht des Interpreten.) Ein Songtext muss manchmal ein bisschen „schräg“ sein, um dem zugrunde liegenden Song zu genügen. Er ist manchmal sogar absolut sinnfrei, und passt trotzdem oder gerade deswegen auf den Song wie die Faust aufs Auge. Beispiel gefällig? Bitte schön!

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Davon abgesehen, kann es nie schaden, wenn der Songtext eine interessante Geschichte zu erzählen hat, eine reiche Bildsprache benutzt und so geschrieben ist, dass jeder Hörer ein für ihn passendes Bild vor seinem inneren Auge malen kann, um sich mit dem Song zu identifizieren. Wenn du beispielsweise ein Autorennen beschreibst, ist es meistens besser, bildhaft den Sound der Motoren, das Flimmern in der Luft und den Geruch von Gummi und Benzin zu beschreiben, als platt zu sagen, „Da fahren drei Porsche um die Wette“. Klar, oder?

Wieviel Tiefgang muss ein guter Text haben?

Prinzipiell gilt: je mehr Tiefe der Text hat, desto besser – desto ausgecheckter sollte natürlich auch die Musik sein. Dabei ist der Grad der Ernsthaftigkeit des Textes oder des Themas keineswegs mit der Tiefe gleichzustellen. Ein sozialkritischer Text kann auch unheimlich platt sein, nämlich dann, wenn nur stumpf irgendwelche Parolen propagiert werden. Ein Song über die Geschichte etwa eines Flüchtlings, der versucht, sich in der neuen Welt zurechtzufinden und seine Familie wiederzufinden, kann ebenso mit Sozialkritik gespickt sein, wird aber wahrscheinlich wesentlich mehr Tiefgang haben.

„Tiefgang“ liegt auch sehr nah bei „Interesse“. Es kann am Ende auch ein lustiger, vielleicht sogar geblödelter Song sein, dessen Text dennoch tunlichst alle Register ziehen sollte, um klarzustellen, woher der Wind weht. Wenn es eine Pointe geben soll, dann ist es von Vorteil, auf perfide Art und Weise den Hörer zunächst ganz woanders hinzulenken. Das funktioniert natürlich nur, wenn es gelingt, Interesse zu wecken. Mich berührt, wenn ich einen eher leichten Text höre, der dennoch Tiefgang hat. Für solche Sachen hat Sting ein Händchen.

I’m so happy that I cant’t stop crying, I’m so happy, I’m laughing through my tears.

(Sting)

Ein fast schon banal klingender Country Song, den man allzu leicht überhören kann. Umso krasser ist der Gegensatz zum Inhalt, der das Thema Scheidung hat. In ganz einfachen Worten beschreibt Sting, wie das Leben weitergeht, aber zwischen den Zeilen ist die Botschaft so tief, dass es mich überwältigt hat.

Das schöne am künstlerischen Aspekt eines guten Songs ist, dass diese Elemente nicht immer gleichzeitig auftreten müssen. Wenn du gut drauf bist oder der trockene Humor einfacher Landeier gerade angesagt ist, dann brauchst du jetzt gerade keine schwere Ballade. Dann passt auch wunderbar so was hier:

Freiheit für Grönland, weg mit dem Packeis!
Ich geh‘ kaputt, gehste mit?
Nieder mit den Alpen, freie Sicht zum Äquator!
Wer viel Platten verkauft, hat ’n Hit.

(Mike Krüger in dem Film „Die Supernasen“)

Zurück zu Marius

Wir waren ja bei Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz stehen geblieben. Das Album hat für mich dieselbe hohe Qualität wie Stinker und Sekt oder Selters. Es sind drei Alben voller Titel, die vor Authentizität nur so strotzen. Ich kann vor meinem geistigen Auge problemlos sehen, wie Marius den Rock ’n Roll direkt vom Asphalt gelutscht hat. Seien es Geschichten vom Kiez-Milieu, tragische Figuren, die an der Flasche hängen oder Typen, deren Leben geradezu zweidimensional flach ist. Marius beschreibt diese Charaktere und ihre Stories so eindringlich, dass sie echt zu werden scheinen. Und die Musik dazu ist 100%ig passend, genauso dreckig, authentisch rauh und handgemacht. Geil!

Und genau aus diesem Grund ist „Das Pfefferminz-Experiment“ in meinen Augen fehlgeschlagen. MMW ist nun siebzig und da kann ich (noch) nicht mitreden. Ich weiß nicht, wie bedeutend der Zusammenhang zwischen dem Alter und der ruhigen reduzierten Musik ist. Das Album wurde neu arrangiert und mit wenigen amerikanischen Musikern in einem Studio in Woodstock neu aufgenommen. „Das Pfefferminz-Experiment“ dokumentiert die Entstehung und es gibt interessante Interviews und Einblicke.

Meiner Meinung nach gibt es zwei entscheidene Faktoren, die vielleicht mehr Aufmerksamkeit gebraucht hätten. Zum einen gebe ich Marius völlig recht, dass man richtig gute Musiker braucht, um auszuloten, wo die Grenzen des machbaren Zaubers in der Musik liegen (der Zauber hat nichts mit höher, schneller, weiter zu tun!). Allerdings können die Amis unmöglich wissen, wie beispielsweise der Hamburger Kiez riecht. Rotlichtviertel gibt es zwar überall, aber jedes ist einzigartig. Und der Kiez ist besonders besonders. Die deutschen Texte sind allesamt richtig gut, aber eben auch deutsch i.S. von deutscher Kultur. Ich kann nicht nachvollziehen, wieso man nun unbedingt Amerikaner einbeziehen muss.

Marius erklärt es, und ich verstehe den Ansatz. Dieser Stil, der amerikanische Blues-Rock, ist natürlich amerikanisch. Den können die Amis logischerweise am besten umsetzen. Dennoch würde ich persönlich diesen Ansatz nicht verfolgen. Vor allem, wenn ich bedenke, dass die Produktion von damals, an denen überwiegend deutsche Musiker beteiligt waren, so auf den Punkt war! Songs, Texte und die Art, diese zu spielen, verschmolzen derart, dass daraus etwas Eigenes wurde – deutscher Bluesrock, wie ihn die Amerikaner sicherlich nicht umgesetzt hätten und der trotzdem richtig gut ist.

Der andere Punkt ist, dass „Das Pfefferminz-Experiment“ für mich zu reduziert ist. Bei Mit 18 erwarte ich, dass es knallt, wenn ich den Chorus höre:

Ich will zurück auf die Straße, will wieder singen, nicht schön, sondern
Geil und laut!
Denn Gold, Gold findet man bekanntlich im Dreck
Und Straßen sind aus Dreck gebaut.

(Marius Müller-Westernhagen, Mit 18)

Die ruhigeren Songs, die auch im Original sehr reduziert waren, etwa Johnny Walker oder Alles in den Wind, funktionieren in der Woodstock-Version mit am besten, wie ich finde. Allerdings stellt sich mir dann gleich die Frage, wie notwendig da eine neue Version war.

Fazit

Ob dir „Das Pfefferminz-Experiment“ gefällt, musst du selbst entscheiden. Du hast jedenfalls einen kleinen Einblick bekommen, was mir an Songs wichtig ist – und du weißt nun, dass Marius Müller-Westernhagen zu den Musikern gehört, die mich beeinflusst haben. Mir ist an der Stelle wichtig zu erwähnen, dass ich nur ein Fan der Sachen von Marius bin, die er aus der Authentizität des Lebens gefischt hat. Man möge mir bitte nicht mit Willenlos und ähnlichen Flacheisen kommen. Das sind Songs, denen alles fehlt, worüber ich oben geschrieben habe. Das enttäuscht umso mehr, als Marius ja eindringlich bewiesen hat, dass er es kann. Die drei Alben, die ich dir empfehlen kann und voller Überzeugung empfehle, sind: