Was kann ich gegen Lampenfieber tun?

Vor dem Auftritt ist es die Hölle; beim Auftritt ist es der Himmel; und nach dem Auftritt wieder die Erde.

Sprichwort der Künstler über das Lampenfieber

Gehörst du auch zu denen, die sprichwörtlich durch die Hölle gehen, kurz, bevor sie die Bühne betreten? Ich kenne Leute, die 30, 40 oder noch mehr Jahre Bühnenerfahrung auf dem Buckel haben.

Sie sind im Fernsehen aufgetreten, haben auf großen Tourneen vor einem Publikum in fünfstelliger Zahl gespielt, haben sich regelmäßig in den Printmedien wiedergefunden und ihre Wand zieren zwei bis elf goldene Schallplatten.

Und doch haben auch diese erfolgreichen Künstler teilweise immer noch ein derart hohes Lampenfieber vor jedem Auftritt, dass sie unruhig wie die Löwen im Käfig auf- und abgehen in ihrer Garderobe. Manche sind in sich gekehrt, andere sichtlich nervös, wieder andere müssen erstmal ’n Lütten nehmen, damit es überhaupt irgendwie geht.

Vor der letztgenannten Maßnahme möchte ich schon jetzt eindringlich warnen. Dazu später mehr.

Ich habe das Phänomen Lampenfieber lange nicht verstanden. Ich habe normalerweise kein Lampenfieber. Es gibt aber einige wenige Ausnahmen und ich möchte dir erzählen, wie ich damit umgehe und warum es im Prinzip gar nicht so toll ist, ohne Lampenfieber auszukommen.

Was ist eigentlich Lampenfieber?

Kurz und bündig: Lampenfieber ist zunächst einmal eine gesunde Reaktion deines Körpers auf eine besondere Situation. Mit anderen Worten: wenn du Lampenfieber verspürst, weißt du, dass dein Körper in Alarmbereitschaft ist.

Der Alarm ist aber nicht durch unmittelbare Bedrohung des Lebens ausgelöst worden, sondern hat einen sozialen Hintergrund. Wir Menschen sind soziale Wesen – für uns ist es von Bedeutung, was bzw. wie andere über uns denken.

Aus sicherer Entfernung betrachtet, ist es geradezu absurd, was wir nicht alles tun oder lassen, um etwa den Nachbarn keinen Gesprächsstoff zu liefern, der uns selbst zum Inhalt hat. Andererseits verbringen wir sehr viel Zeit und Energie auf, um mehr oder weniger genüsslich im (sozialen) Verbund über Dritte zu lästern. Wir sind Täter und Opfer.

Ruhe vor dem Sturm: manch einer hat schon Stunden vor dem Auftritt hohes Lampenfieber.

Und spätestens, wenn du an der Bühnentreppe stehst, wissend, dass dein Auftritt in weniger als einer Minute beginnt, wird es ernst. Vielleicht ist es deine persönliche innere Alarmglocke schon seit drei Stunden am Schrillen, immer lauter, immer durchdringender, seit dir klar ist, dass es kein Zurück mehr gibt.

Denn du bist ein soziales Wesen, dem wichtig ist, was andere über dich denken bzw., wie sie dich wahrnehmen. Und du bist im Begriff, dich vor einer großen Ansammlung von Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Mehr: diese Ansammlung von Menschen ist genau deswegen überhaupt hier. Um dich im Mittelpunkt zu sehen.

WAAAAAAAYYYYYYYYNNNNNE!!!

Garth Algier

Effekte und Nebeneffekte des Lampenfiebers

Also, was macht dein Körper? Er spendiert eine Runde Adrenalin. Er lässt dein Herz höher schlagen. Er lässt dich zittern und nach Luft schnappen. Er sorgt dafür, dass du maximale Anspannung und Aufmerksamkeit erlangst. Mit einem Wort: du stehst unter Vollstress.

Wie gesagt: im Prinzip funktionierst du also wunderbar. Dein Körper reagiert auf die „soziale Gefahrensituation“, wie er auch in einer lebensgefährlichen Situation reagieren würde, damit du im Falle des Falles schnell da raus kommst.

Aus der sozialen Gefahrensituation wirst du natürlich nicht fliehen, aber die erhöhte Aufmerksamkeit soll dich deinen Auftritt sauber hinlegen lassen, damit du es eben nicht versaust und man dich nicht mit Eiern und Tomaten bewirft, sondern mit Rosen, BHs und Hotelzimmerschlüsseln.

Durchschnittlicher Ertrag nach einem Gig – von Aerosmith!
Quelle: Pixabay

Die körperliche Anspannung ist also durchaus gut. Das Dumme ist, dass sie mit physiologischen Begleiterscheinungen daherkommt, die wir so richtig gar nicht gebrauchen können.

Vielleicht erkennst du einige davon wieder. Da sind zum Beispiel trockener Mund und zugeschnürter Hals. Ganz schlecht, wenn du gleich singen oder sprechen willst.

Oder nimm Schweißausbrüche oder einfach feuchte Hände. Gitarristen wissen, dass die Finger auf einem Feuchtigkeitsfilm nicht wie geschmiert dahingleiten, sondern gebremst werden. Auch nicht gut.

Verspannung ist ebenfalls gern am Start. Ausgerechnet jetzt, wo du dein facettenreiches Mimikspiel vor der laufenden Kamera abfeuern willst, so, wie dieser Charakterdarsteller hier.

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Durch den Alarmzustand sind aber auch temporär dein Konzentrationsvermögen und dein Erinnerungsvermögen eingeschränkt. Das ist besonders ungünstig, denn du willst ja gleich ohne irgendwelche Merkblätter deine Linien spielen bzw. deine Texte singen oder rezitieren – und das in einer fehlerfreien lockeren Performance.

Wie gesagt, das ist alles temporär. Normalerweise kann dein Körper diesen Zustand unter Vollstress nicht lange halten. Er wird sich irgendwann beruhigen. Vor allem bei langen Konzerten, die über eine gewisse Zeit dauern, wirst du merken, dass das Lampenfieber irgendwann verschwindet.

Dann bist du voll bei der Sache und kannst dein eigenes Konzert genießen.

Hinweis: Das setzt natürlich voraus, dass du dein Programm beherrscht! Wenn du auf die Bühne gehst, ohne geübt zu haben bzw. vorbereitet zu sein, musst du dich nicht wundern, wenn die Angst einfach nicht verschwinden will. Die ist nämlich durchaus berechtigt, wenn du deine Hausaufgaben nicht gemacht hast!

Kann das akute Lampenfieber chronisch werden?

Kann es! Muss aber nicht. Denn du selbst bist ein entscheidender Faktor, wie stark sich dein Lampenfieber auf dich auch langfristig auswirkt. Wenn du dich nämlich an einer negativen Erfahrung aufhängst, die du beim Auftritt gemacht hast, dann kannst du dich leicht an sie erinnern.

Da kann es passieren, dass du die Erinnerung in der Zukunft in eine (negative) Erwartungshaltung umwandelst. Möglicherweise entwickelst du dann irgendwann kein Lampenfieber mehr aus Angst vor dem Auftritt – sondern aus Angst vor der Angst.

Ich habe an anderer Stelle schon darüber gesprochen: Gedanken werden Dinge.

Eine Erwartungshaltung wird sich ebenfalls erfüllen, wenn du sie stark genug in deinem Unterbewusstsein verankerst. Das gilt für negative Erwartungshaltungen genauso, wie für positive, denn das Unterbewusstsein kennt keine Werte.

„Fütterst“ du also mit deinen negativen Erfahrungen deine negative Erwartungshaltung, dann wirst du auch dein Publikum im Vorfeld als ablehnend dir gegenüber einstufen. Damit drehst du dein Lampenfieberrad natürlich in eine ganz schlechte Richtung.

Mache es also lieber anders herum.

Wie verarbeite ich mein Lampenfieber?

Lampenfieber ist ein noch relativ junges Thema in der Medizin, das unter dem Oberbegriff Musikermedizin eine ernsthafte Zuwendung in Sachen Forschung und Behandlung erfährt. Dort geht es sowohl um ambulante Behandlung, als auch um Therapien zur Bewältigung chronischen Lampenfienbers.

Gute Nachrichten also – das Thema wird ernst genommen und du wirst nicht allein gelassen.

Du findest in Deutschland EInrichtungen, die sich entweder exklusiv oder als Teil einer entsprechenden Abteilung mit Musikermedizin befassen.

Als Beispiele seien genannt:

Freiburger Institut für Musikermedizin

Lampenfieber-Ambulanz der psychatrischen Klinik der Universität Bonn

Schau im Internet nach weiteren Adressen in deiner Nähe. Und hab keine Scheu, denn in aller Regel geht es lediglich darum, gezielt und unter professioneller Anleitung ungünstige Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen und umzuprogrammieren.

Ein Wort an die Eltern

Bedauerlicherweise ist das Thema Musik von immer geringerem Interesse. Ich will hier keine gesellschaftlichen Studien diskutieren; mir geht es darum, die Eltern anzusprechen, deren Kinder sich mit Musik oder anderer darstellender Kunst beschäftigen – und daher Auftritte haben (werden).

Es ist bekannt, dass Kinder erst ab einem Alter von ca. zehn Jahren lernen bzw. erfassen, was Lampenfieber ist. Besser gesagt, der soziale Aspekt wird Kindern bewusst.

Wenn Kinder schon früh Erfahrung mit Auftritten sammeln und diese Erfahrungen positiv sind, können sie auch entsprechend gegen evtl. auftretendes Lampenfieber wirken.

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Tony Royster Jr. mit 12 Jahren. Heute spielt er u.a. bei Jay-Z.
Wie hätte er (und jedes andere Kind) je ohne elterliche Unterstützung dorthin kommen können?

Deshalb möchte ich euch, liebe Eltern, bestärken, nicht nur euer Kind früh mit der Kunst in Berührung zu bringen, sondern auch selbst dabei zu sein. Besucht unbedingt alle Auftritte eures Kindes – und sorgt dafür, dass es eine gute Erfahrung wird!

Damit meine ich keinesfalls, eurem Kind vorzuflöten, wie toll es war, wenn es unterirdisch war. So leicht lassen sich Kinder nun auch wieder nicht veräppeln. Und es nützt nichts, die DInge schön zu reden, wenn euer Kind es selbst verstanden hat, dass die Dinge nicht schön waren.

Damit ist niemandem geholfen – ihr verliert nur unnötig Respekt.

Meiner Meinung und Erfahrung nach ist es viel besser, verpatzte Auftritte oder Ähnliches gemeinsam zu analysieren, um zu klären, was daraus zu lernen war. Und dann beim nächsten mal besser machen. Und loben!

Vor allem, wenn ihr beim Thema üben etwas Strenge zeigen müsst, vergesst auf keinen Fall auch das Lob! Sorgt dafür, dass die Sache Spaß macht! Das ist das beste Rezept gegen Lampenfieber, das ich als Nicht-Mediziner ausstellen kann.

Kann Alkohol- oder Drogenkonsum bei Lampenfieber helfen?

Ich sage es gerade heraus: Lass die Finger davon!

Das hat nichts damit zu tun, dass ich den Apostel rauslassen will. Ich sage auch gar nichts gegen ein maßvolles Anwenden solcher Hilfsmittelchen.

Im Gegenteil, es gibt bestimmte Situationen, da fackele ich gar nicht lange. Ich habe nämlich in meiner Zeit beim Chor eine interessante Beobachtung gemacht, die ich von da an immer wieder machen konnte.

Finde Herrn Steinwede beim Vocal Express!
Foto: Jim Rakete

Gerade bei den Damen (natürlich nicht pauschal bei allen, aber doch bei den meisten) wirkt oft ein Glas Prosecco oder Sekt wahre Wunder, wenn sie vor Lampenfieber total angespannt sind. Sie sind danach immer noch aufgeregt, aber viel gelöster dabei. Seit ich das weiß, nutze ich das aus, wann immer es erforderlich ist, etwa im Studio.

Verstanden? Ich sagte: EIN Glas!

Denn der Grund, warum ich prinzipell sage Finger weg, ist ein anderer. Auch ohne das Lampenfieber als Anlass birgt Alkohol- bzw. Drogenkonsum von Haus aus die Gefahr, dass die Grenze zwischen „na, einer ginge noch“ und „zu spät“ nicht mehr klar gesehen werden kann.

Und wenn es zu spät ist, dann ist vielleicht das Lampenfieber weg – aber deine Fähigkeit, einen richtig guten Auftritt, hinzulegen, auch! Du kannst es drehen und wenden, wie du willst: du bist nicht mehr voll bei Sache. Das ist tödlich. Nicht nur für dich. Sondern auch für deine Kameraden, die dich mitschleifen müssen und selbst keine Chance mehr haben, 100 Prozent abzuliefern.

Ich habe leider mehr als einmal hinterm Schlagzeug gesessen und tatenlos miterleben müssen, wie der Frontmann die besagte Grenze übertrat. Das äußert sich zum Beispiel in immer ausgedehnteren, dabei immer sinnloseren Ansagen zwischen zwei Songs. Immer mehr immer peinlichere Momente.

Ich persönlich bin da extrem empfindlich. Ich werde in solchen Situationen in eine Riesenpfütze kalter Unprofessionalität geworfen, ohne, dass ich etwas dagegen tun könnte und ohne, dass ich da weg könnte. Ich fühle mich richtig unwohl dabei. Ich fühle mich nicht wertgeschätzt, sondern verarscht.

Mit anderen Worten: der Gig ist für mich gelaufen. Dabei war nicht es, der die Grenze übertrat.

Wie gesagt, ich bevorzuge Genuss in Maßen – nämlich in den Maßen, in denen es noch Genuss ist – der strikten Abstinenz um der Abstinenz willen. Das musst du natürlich für dich selbst entscheiden. Hab einfach im Hinterkopf, deinen Kollegen keinen Schaden zuzufügen, schon, um dir nicht selbst zu schaden. Das ist kein Lampenfieber der Welt wert.

Herr Steinwede und das Lampenfieber

Ich selbst habe, wie bereits erwähnt, kaum Lampenfieber. Ich glaube, ich habe da schon als Kind unbewusst mein Unterbewusstsein positiv gefüttert, lange, bevor es überhaupt ernst wurde mit Auftritten.

Wie?

Du wirst lachen: das „positive Futter“ war die Muppet Show!

Falls du (eklatant) jünger bist als ich, muss ich da kurz etwas ausholen, damit du es verstehst. In meiner Kindheit gab es nur drei Fernsehprogramme und Serien hatten einen festen Termin, der nicht täglich, sondern wöchentlich ausgelegt war.

Durch diese große Zeitspanne zwischen zwei Episoden war die Vorfreude natürlich groß (und die Enttäuschung, wenn man es verpasst hat).

(Du brauchst mich nicht zu bedauern wegen der wenigen Fernsehprogramme. Ich habe kapiert, dass Fernsehen Gift ist und besitze nicht mal eine Glotze.)

Die Muppet Show selbst wird dir sicherlich bekannt sein. Jim Henson, selbst ein genialer Puppenspieler, hat eine Theaterwelt erschaffen, auf und hinter deren Bühne die Puppen höchst lebendig agierten. Es gab Sketche und haufenweise anarchischen Humor nebst passender Sprüche. Herr-lich!

Außerdem war immer ein Mensch als Gaststar in die Episode eingebunden. Das war, zugegeben, manchmal langweilig, manchmal aber auch ein Knaller (z.B. Alice Cooper!).

Was hat das mit Lampenfieber zu tun?

Nun, ich will auf zwei Dinge hinaus. Zum Einen war es scheißegal, woher der Gaststar kam, solange er gut war. Es gab nie eine Bewertung, schon gar nicht negativ. Die Muppets hatten Spaß, egal, ob schmalziger Chanson-Sänger, Musical-Darsteller, Schauspieler, Tänzer, Komiker oder Hardrock-Ikone.

Die halbstündige Show wurde immer um den Gaststar herum gestrickt, so, dass sich alle wohlfühlten. Mal regierten die bunten Schmetterlinge und die friedlichen Vögel, mal herrschten die stets gut gelaunten Monster und Geister.

Das ist eine großartige Vorstellung, die Lampenfieber entgegenwirken kann! Du weißt: selbst, wenn mal etwas dem eigenen Geschmack nicht entspricht, erweisen alle allen Respekt, und zwar ganz selbstverständlich. Man redet nicht mal darüber.

Die zweite Sache bringt das Intro der Muppet Show auf den Punkt. Schau mal:

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DIE Anti-Lampenfieber-Szene bei 0:45-0:48!

Mega – sie haben sogar ein ganzes Publikum aus Puppen zu Leben erweckt! Der Punkt ist: das Publikum ist positiv eingestellt. Sie sind nicht hier, um feindselig zu sein – sie sind hier, um SPASS zu haben! Sie sind singend eingebunden in den Intro-Song. Sie freuen sich darauf, zusammen mit den Akteuren auf der Bühne Spaß zu haben und eine gute Zeit zu erleben.

Dahinter steckt natürlich auch eine Erwartungshaltung. Das Publikum weiß, dass die Akteure gut sind. Es weiß, dass die Gaststars gut sind. Im speziellen Fall der Muppets gibt es aber noch eine weitere Komponente, die für den Umgang mit Lampenfieber sehr wirksam ist, wie ich finde.

Das ist der positive Umgang mit Dingen, die schief laufen. In der Muppet Show wird das geradezu erwartet – und selbstverständlich auch erfüllt. Ständig fliegt etwas durch die Luft, fängt Feuer, explodiert oder bricht zusammen.

Das ist alles sehr zum Amusement des Publikums – aber niemals unter Schadenfreude und auf Kosten eines anderen!

Das ist ganz wichtig! Man macht sich nie lustig über andere, sondern lacht immer mit anderen mit!

Wenn du mit so einer Einstellung an die Sache herangehst, hat Lampenfieber nur noch wenig Chancen. Ich habe das selbst von Anfang an so gemacht; ich gebe allerdings zu, dass das bestimmt nicht bewusst war. Da habe ich einfach Glück gehabt.

Mit der Muppet Show bin ich aber noch nicht fertig. Es gibt nämlich noch eine Sache, die ich immer geliebt habe, weil sie die Auftrittssituation so herrlich auflockert.

Das sind die Akteure selbst, die nach jeder Performance zum Soundtrack des Applauses so Muppet-typisch in die Runde grinsen und sich mit dem Publikum mitfreuen.

Für mich ist das derselbe Aspekt des miteinander Spaß habens aus der perspektive der Künstler. Schau hier:

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Nebenbei bemerkt: ich finde Floyds Stimme für den Song wesentlich cooler, als Pauls.

Die Muppet’sche Anti-Lampenfieber-Formel zusammengefasst:

  • Selbstverständlicher aufrichtiger Respekt zwischen Publikum und Künstler, selbst, wenn der eigene Geschmack nicht oder nur zum Teil bedient wird
  • Dabei jede Gelegenheit nutzen, sich unbekanntem Neuem zu öffnen. Du kannst dich dabei nur weiter entwickeln!
  • Lockerer Umgang mit Pannen, aber niemals Schadenfreude!
  • Die innere Einstellung etablieren, dass Künstler und Publikum den Auftritt zusammen und miteinander begehen, erleben und feiern

Ist Lampenfieber bei Solisten größer als bei Gruppen?

Wenn du nicht gerade eine egozentrische (Rampen-) Sau bist, normalerweise ja. Das hängt aber von einigen Faktoren ab, die im Zusammenspiel unterschiedliche Ergebnisse liefern.

Lass mich aus dem Nähkästchen plaudern. Ich habe mit 17 Jahren einen Auftritt zweier Mädchen mitverfolgen dürfen, den ich noch immer gut in schlechter Erinnerung habe. Es war ein Jugendband-Wettbewerb. Ich war Drummer in einer Schülerband und hatte mich mit einem Song beworben. (Verdammt, wo ist eigentlich das Tape?!)

Natürlich waren alle aufgeregt. Zehn oder so Bands und Einzelkünstler von 5. Klasse bis Abi-Jahrgang. Der erste größere Auftritt. So richtig mit Bühne, Anlage und Technikern! Und: in ein Finale eingezogen! Das war ein Hauch der großen weiten Welt in irgendeinem Kuhdorf in Schleswig-Holstein.

Bei den Ablauf-Proben konnte jeder dabei sein und sehen, was die anderen so machen. Zwei Mädchen – also bereits eine Gruppe – hatten einen Song über die Anspannung zwischen Ost und West geschrieben. Ein Mädchen saß am Klavier und hatte im Chorus nur eine Zeile zu singen; das andere Mädchen stand am Mikro und übernahm den Lead-Gesang.

Es wurde schnell offensichtlich, dass hier einige ungünstige Komponenten zusammenkamen. Schon ab zwei Leuten hast du eine Gruppe und kannst dich normalerweise auf den bekannten Spruch berufen:

Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Alte Volksweisheit

Im Falle von Auftritten setzt das jedoch voraus, dass jeder optimal vorbereitet ist. Das war hier nicht der Fall. Wenn ich mich recht erinnere, hatten zwar beide geprobt.

Aber entweder waren sie dennoch zu schlecht vorbereitet, oder – was wahrscheinlicher ist – die Anspannung des ersten Auftritts war zu groß. Jedenfalls hatten sie sich immer an derselben Stelle verspielt. Man konnte spüren, wie die Angst vor der Stelle bei jeder Wiederholung immer unerträglicher wurde.

Bis schließlich die Sängerin die Nerven verlor. Es kam zu einem handfesten Streit auf der Bühne, mit gegenseitigen Schuldzuweisungen, wer es denn jetzt versaut hätte.

Die beiden haben den Wettbewerb übrigens nicht gewonnen.

Und die Moral von der Geschicht: wahre immer dein Gesicht.

Es hätte dem Auftritt der beiden sehr gut getan, wenn sie diese Stolperstelle als Anlass für einen lockeren Spruch genommen hätten. Oder für eine spontane Einbindung des Publikums. „Also eigentlich geht die Stelle so – helft uns mal, singt das mal mit, Achtung, zwo, drei, vier!“

Hätte, hätte. Ich will nicht mit dem Finger auf andere zeigen, darum geht es mir nicht. Ich will nur sagen, dass auch solche Erlebnisse mir geholfen haben, meine Auftritte besser zu gestalten. Es schadet nie, gerade die Dinge, die schlecht gelaufen sind, zu analysieren und heraus zu finden, was du nächstes mal besser machen kannst.

Und ich wäre ein Narr, nicht zuzugeben, dass ich ebenfalls aufgeregt war. Allerdings war es mehr die pure Freude über die Gelegenheit, hier mein Ding ausleben zu können.

Und hey – immerhin habe ich mit meiner Schülerband den 2. Platz eingefahren!

Mein Schlagzeug – meine Burg

Ich kann natürlich nur aus meiner eigenen Erfahrung mit der Position als Drummer berichten. Bassisten und Percussionisten mag es ähnlich gehen.

Ich habe zwei Lampenfieber-Blocker aufgrund meiner Position als Drummer. Erstens: ich sitze ( und das ist vielleicht Blocker Nr. 2 1/2) hinten an der Bühne und nicht vorne. Ich bin schlecht zu sehen und wenn ich nicht gerade Vinnie heiße, kommen die Leute auch nicht zuletzt meinetwegen zum Konzert – sondern zuallerletzt.

My drums – my castle

Zweitens: Ich bin geschützt in meiner Burg. Trommeln, Stative und Becken bilden geradezu eine Mauer, hinter der mir nichts passieren kann. Ich mache es mir hinter meinem Schlagzeug gemütlich. Ich kenne mein Schlagzeug, es ist eine Art Wohnzimmer für mich. Ich sitze eigentlich eher in meinem Schlagzeug anstatt dahinter.

Das beruhigt ungemein. Ich habe es mehrmals erlebt, vor allem bei negativ geladenen Situationen. Bei Torfrock beispielsweise herrschte seit jeher die Unsitte, Bierbecher (gefüllt natürlich, und womöglich nicht nur mit Bier) auf die Bühne zu werfen. Sollte wohl bagalutenmäßig lustig sein.

Ich konnte die Becher oft heranfliegen sehen. Klaus Büchner, der Sänger konnte das nicht, denn er sieht nur Scheinwerferlicht. Insofern hat er auch keine Chance, rechtzeitig auszuweichen. Ein Wunder, dass er nur so selten getroffen wurde. Aber er wurde getroffen. Und das, verehrtes Publikum, ist sowas von uncool!

Naja. Ich jedenfalls brauchte nie auszuweichen. Der Bierbecher hat das Schlagzeug praktisch nie erreicht. Fotografen haben mich ebenfalls nur selten erreicht. Die Scheinwerfer sowieso nicht.

Wozu also Lampenfieber? Es gibt gar keinen Anlass für einen Drummer, Lampenfieber zu haben, richtig?

Falsch. Es gibt einen Anlass. Da kommen die sozialen Aspekte wieder ins Spiel:

Hilfe, nur noch zwölf Songs, dann kommt mein Schlagzeug-Solo!

Der unbekannte Drummer

Jepp. Da habe auch ich Lampenfieber. Und das aus gutem Grund: ich weiß nämlich, dass ich kein guter Solist bin. Ich bin sogar ein ziemlich schlechter Solist. Ich bin nicht vorbereitet, weil ich das nie geübt habe.

Ich weiß also, dass ich gleich durch etwas durch muss, für das ich gar nicht geeignet bin.

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Aus meiner Zeit bei Torfrock (hier: 2007)

Und das will so gar nicht mit dem sozialen Aspekt des Menschen harmonieren. Gleich bin ich im Mittelpunkt. Was soll bloß das Publikum von mir denken?

Das sind 3000 Mann, mit anderen (natürlich völlig schwachsinnigen) Worten: 3000 Vollprofi-Drummer schauen mir gleich richtig heftig auf die Finger!

Die einfachste Variante liegt auf der Hand: kein Solo spielen. Das hat auch lange Zeit ganz gut geklappt. Manchmal hatte ich aber einfach Bock darauf. Da war ich voll im Muppet-Modus und habe es einfach gemacht. Und, ganz ehrlich: das ist eindeutig die bessere Variante!

Hier ist ein Beispiel. Interessant, dass ich gerade jetzt, wo ich das Video gesucht und gefunden habe, eine gewisse Aufregung verspüre. Das darf ich dir natürlich nicht vorenthalten 😉

Richtig ernst wurde es allerdings, als ich bei The MAGIC of SANTANA einstieg. Soul Sacrifice ist DER Song, mit dem Santana auf dem legendären Woodstock Festival schlagartig berühmt wurde. Und dieser Song hat nun mal ein Drumsolo als festen Bestandteil.

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Ein bedeutendes Stück Musikgeschichte: der Auftritt auf dem Woodstock Festival 1969 machte SANTANA schlagartig weltberühmt.

Erschwerend kommt hinzu, dass Santana in der Weltliga spielt. Die Band hat viele Drummer gesehen, die ebenfalls in der Weltliga spielen, alles unfassbar gute Spieler.

Und jetzt stehe ich mit zwei ehemaligen Leadsängern Santanas auf der Bühne und soll ein Drumsolo abliefern?!

Hui.

Das sind Situationen, in denen ich auch ein gewisses Maß an Lampenfieber verspüre. Es ist aber nicht heftig und ich führe das auf meine Erfahrung zurück, die ich mit der Bühne und auch mit dem Muppet-Modus habe.

Zu wissen, was man nicht kann und zu wissen, wie man damit umgeht, ist sehr wertvoll. Ich wusste, wie ich mich der Situation gegenüber öffnen kann und konnte deshalb mein Solo bei Soul Sacrifice abliefern. Glücklich hat es mich nicht gemacht, aber mir war auch klar, dass ich nach jedem Auftritt in dieser Beziehung besser sein würde.

Wer darf überhaupt Ursache für mein Lampenfieber sein?

Es gibt eine Gruppe, der gegenüberzutreten mir immer ein gewisses Lampenfieber bereitete (was aber auch schon deutlich besser geworden ist).

Das sind diejenigen, die Ahnung von der Materie haben. Die ich im Sinne der Materie ernst nehme und von denen ich will, dass sie mich ernst nehmen.

Anfangs war es immer wahnsinnig (negativ) spannend, neue Musiker kennen zu lernen. Meine grundsätzlich hohe Erwartungshaltung ist oft erfüllt worden. Ich traf oft auf Musiker, die wirklich gut waren an ihrem Instrument und als Menschen.

Das habe ich auch immer genossen. Aber ich brauchte eine gewisse Zeit, um zu kapieren, dass – gerade am Schlagzeug – die Disziplin Höher-Schneller-Weiter kaum gefragt ist. Ich muss den Takt halten und den passenden Groove spielen. Und, bei aller Bescheidenheit, das kann ich!

Mit Alex Ligertwood und Tony Lindsay auf der Bühne.
Foto: Benjamin Hüllenkremer

Ich kann also heutzutage auch ganz locker sein, wenn ich plötzlich mit Alex Ligertwood und Tony Lindsay zusammen auf der Bühne stehen darf. Denn auch die kochen letztlich nur mit Wasser.

Sie alle kochen nur mit Wasser – genau wie du, genau wie ich!

Und so wandelt sich auch die Bedeutung: Wer Ahnung von der Materie hat, aber dir im Laufe der Zeit auch näher bekannt wird, der bietet immer weniger Raum für Lampenfieber. Dafür bekommt er von mir ein stärkeres Recht, Kritik zu üben.

Was ist der Auslöser für mein stärkstes Lampenfieber?

Nun wird es ernst. Ich habe vor einger Zeit erfahren, dass es einen erheblichen Unterschied ausmacht, ob ich sicher in meiner Schlagzeugburg sitze – oder vorne auf der Bühne stehe.

Vom Schlagzeug ans Mikrofon.
Foto: Bigman

Vorne kann dich nämlich jeder sehen. Der Bierbecher könnte dich treffen. Du kannst den ersten paar Reihen im Publikum direkt auf oder in die Augen sehen. Das ist schon ein anderer Schnack.

Ich kann damit aber meistens auch gut umgehen und es macht mir richtig Spaß. Ich bin in solchen Situationen schnell im Muppet-Modus.

Aber das ist alles nichts im Vergleich zu dem, was ich noch durch Übung und Erfahrung – also, indem ich es einfach mache – zu bewältigen habe. Etwas, das zu tun ich wild entschlossen bin. Wovor ich bei aller Euphorie auch eine Scheißangst habe. Was mir großes Lampenfieber beschert. Und deswegen gerade so gut ist!

Das ist meine Position als Interpret meiner eigenen Songs, die mir viel bedeuten. Und mit Interpret meine ich nicht das Schlagzeug. Sondern das Mikrofon. Mir geht die Flatter, ich gebe es zu. Aber es füllt mich auch mit Leben.

Ich kann es kaum erwarten.

Sind nur Künstler und Redner von Lampenfieber betroffen?

Mein bester Freund ist Arzt. Er besucht regelmäßig Fortbildungen und wird demzufolge regelmäßig geprüft. Auch er verspürt jedesmal wieder Lampenfieber. Logisch – es geht ja wieder darum, was andere von einem denken. Und man will es nicht versauen.

Mein Freund hat mir mal erzählt, dass das seit der Schule so sei und er es inzwischen begrüßt. Denn er weiß, wenn diese Aufregung kommt, dann ist alles in Ordnung. Die Aufregung selbst ist vielleicht nicht gerade das schönste, aber inzwischen wäre es für ihn viel bedenklicher, wenn die Aufregung vor einer Prüfung nicht auftreten würde.

Abgesehen also von einer beruhigenden Vertrautheit mit der Situation kannst du dir immer klar machen:

Du bist nicht allein.

Wie viele im Publikum sind selbst Künstler, Musiker, Schauspieler, Redner, Animatoren, StandUp-Comedians? Wie viele haben eine große Prüfung vor sich? Möglicherweise mehr, als du denkst. Und sie alle haben im Prinzip das gleiche auszustehen, wie du. Wenn das kein Trost ist.

Schalte dich also in den Muppet-Modus, entere die Bühne und nimm dein Publikum mit auf eine unvergessliche Reise. Es wird es dir danken.

Und du wirst ein Stück vom Glück aufsammeln.