In diesen verrückten Zeiten scheinen sich aktuelle Geschehnisse und allgemeiner Zeitgeist undurchdringlich zu vermischen. Das mag daran liegen, dass die Themen, die uns alle gerade beschäftigen, eine enorme Reichweite (immerhin die ganze Welt) und eine ebenso enorme Tragweite haben (sicherlich nicht nur für mich ist Krieg in jedem Falle eine Katastrophe).

Ich möchte mich hier aber auf den Zeitgeist beziehen, denn dieser ist ein ganz wesentlicher Grund dafür, dass ich mich zu den Geschehnissen da draußen nur sehr wenig oder sogar überhaupt nicht äußere.

Das Wesen von Social Media

Ich gehöre zur Generation Facebook. Das bedeutet, ich habe Facebook seit dessen Geburtsstunde miterlebt (und ja, ich war vorher auf MySpace) und die Entwicklungen beobachtet, die das Wachstum von Facebook und überhaupt der sozialen Medien mit sich gebracht hat. Und ich konnte schon früh erkennen, wohin Social Media führt:

Alle senden, aber keiner empfängt.

Störung der Totenruhe?

Besonders krass ist das, wenn jemand Prominentes gestorben ist. Das geht schon mit dem Wettrennen los, wer denn als Erster das Tränensmiley postet, um zu unterstreichen, dass er als Erster die Nachricht mitbekommen hat und er deshalb ja ach so weit vorn ist! Unmittelbar danach bricht der Sturm der kleinen Anekdötchen los, die die Max Mustermänner aus gegebenem Anlass zum Besten geben – natürlich, ohne dabei in irgendeiner Weise den Verstorbenen zu würdigen, sondern vielmehr sich selbst in der Hauptrolle zu produzieren. Selbstverständlich besteht der Kern dieser Hauptrolle darin, der größte Fan des Verstorbenen zu sein…

Die Leute merken nicht mal, was sie da tun. Das ist der kleingeistige Zeitgeist, oder zumindest ein wesentlicher Bestandteil davon.

Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal die Fresse halten!

Aber auch in so vielen anderen Bereichen äußert sich dieses kleingeistige Senden: etwa bei lautem Herausschreien von aus Halb- oder Viertelwissen gespeisten „Meinungen“ (selten die eigenen, aber dafür oft mit der Phrase „Tatsache ist:“ eingeleitet); oder bei Verschwörungsschwurblereien, oder auch bei arroganten Anmaßungen wie der Behauptung, die Sprache muss für Minderheiten, etwa Transsexuelle, angepasst werden – ohne jemals einen Transsexuellen zu Gesicht bekommen zu haben.

Dass gleichzeitig praktisch niemand mehr in der Lage ist, sich des korrekten Genitivs zu befleißigen und ich sogar auf so renommierten Websites wie der von Apple eine Sprachverstümmelung zur Kenntnis nehmen muss wie etwa „Lese dir dasunddas durch und gebe hier die Seriennummer deines Computers ein“ – das bestürzt mich zutiefst!

Könne deine Sprache!

Könne deine Sprache – und sei achtsam mit ihr!

Bitte nicht missverstehen – ich halte mich keineswegs für etwas Besseres, weil ich auf die Sprache achte. Und selbstverständlich mache ich Fehler und bin natürlich auch nicht aller Fremdworte mächtig.

Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass es sehr, sehr wichtig ist, mit der Sprache gut umgehen zu können. Das hat vor allem zwei Gründe:

  1. Wenn du weißt, wie es richtig ist, dann – und nur dann – kannst du auch richtig mit der Sprache spielen. Du kannst dich gewählt ausdrücken, du kannst bei Bedarf die schärfsten oder liebevollsten Untertöne subtil einbringen – und, für mich persönlich ganz wesentlich: du betrittst eine gigantische Spielwiese des kreativen Humors! (Wusstest du übrigens, dass des Kaisers neue Kleider aus Ungarn waren?)
  2. Die Sprache ist als direktes Instrument der Verständigung sehr mächtig. Gehst du achtsam mit deiner Sprache um, dann gehst du auch achtsam mit dir selbst um!
    Ich lade dich zu einer einfachen Übung ein:
    tausche die nächste Zeit alle Sätze, die du gewohnheitsmäßig mit „Ich muss…“ begonnen hast, durch Sätze, die mit „Ich will/ich möchte/ich werde…“ beginnen. Für mich war es eine großartige Erfahrung. Ich fühle mich viel selbstbestimmter! Kein Wunder: „Ich muss“ ist fremdbestimmt und wirkt als Macht von außen. „Ich will“ ist selbstbestimmt und daher Ausdruck der eigenen Macht. Einfach, nicht wahr?

Es gibt noch einen weiteren Punkt, der allzu oft völlig außer Acht gelassen wird. Das ist die Körpersprache. Sie nimmt, wie bekannt, einen bedeutenden Teil der Kommunikation ein. Da die Körpersprache im Schriftverkehr gänzlich fehlt, ist es umso wichtiger, diesem Verlust mit einem möglichst ausgereiften Umgang mit den Worten zu begegnen.

Dabei spielt nicht nur das Senden, sondern ganz wesentlich auch das Empfangen eine Rolle. Während du diesen Text liest (cool übrigens, dass du bereits bis hierher gelesen hast – das weiß ich zu schätzen!), kannst du gar nicht anders, als deine eigene Stimme die Rolle des Vorlesers übernehmen zu lassen. Du färbst den Text unbewusst so, wie er für dich passt. Und das beeinflusst natürlich auch, wie du den Text inhaltlich interpretierst.

Videos können die Übertragung der Körpersprache theoretisch verbessern. Das ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Von mehr oder weniger gequält dargebotener Schauspielerei über Fake und gestellter Kulisse bis hin zu dreistem Klickbait gibt es schließlich eine Menge Möglichkeiten, die Kommunikation von der Authentizität wegzubewegen.

Senf ist bei mir knapp

Ich werde die Kohorten von Sendern, die gleichzeitig Nicht-Empfänger sind, natürlich nicht aufhalten. Auch bin ich selbstverständlich denselben Mängeln ausgesetzt, die die sozialen Medien (dazu zähle ich auch Websites wie diese hier) mit sich bringen.

Und genau das ist der Grund, warum ich lieber die Klappe halte. Wenn ich mal die Tube öffne und meinen Senf dazugebe, dann will ich zusehen, dass Art und Menge auch genau zum Gericht passen, um mal bei der Bildsprache zu bleiben. Anders ausgedrückt (…kapiert?!): Wenn ich dir etwas vermitteln möchte und/oder bewusst etwas über mich erzähle, dann mache ich das. Dazu sind meine Plattformen im Internet da. Und natürlich bist du herzlich eingeladen, mir Feedback zu geben und/oder mir Fragen zu stellen, die ich so gut beantworte, wie es mir möglich ist. Ansonsten halte ich mich lieber raus.

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